die agenda für menschen mit arbeit

(c) Andreas Brettschneider

"Da ist doch vor eins nichts los" - die Geißel der Großstadt

Nachdem in den Neunzigerjahren jedes Dorf im Bergischen Land einen Freiwilligen für einen Umzug nach Berlin oder London rekrutierte, wird das Lebensgefühl der Metropolen seit der Jahrtausendwende wieder in die Peripherie zurückgetragen.

An einem Mittwoch Abend um elf Uhr treffen wir Kai L. alleine in einem Club im Kölner Friesenviertel. Ein Blick in den leeren Raum zeigt ihn auf einer Sitzbank im 70-er Retrochique, ein Kölsch in der Hand. Das Thekenpersonal vertreibt sich die Zeit bis zum großen Ansturm mit dem Auflegen der Lieblingsmusik. Vor zwei Monaten zog Kai nach Köln, als er von einer PR-Agentur ein luktratives Stellenangebot bekam. "Im Job läuft es gut", erklärt er, "soziale Kontakte zu knüpfen, ist jedoch gar nicht so leicht." Um halb sechs klingelt bei Kai morgens der Wecker. In den Abendstunden versucht er, einen neuen Freundeskreis aufzubauen. "Bis halb eins sitze ich dann meistens alleine in den Clubs. Die Kellnerin hält mich schon für einen Stalker." Er lacht, doch in seinen Augen zeigt sich eine tiefe Traurigkeit über seine Situation.

So wie Kai geht es vielen in den Großstädten Deutschlands. Nach einer Umfrage des deutschen Instituts für Einsamkeitsforschung (DIE) geben allein in NRW  4,8 Millionen Menschen im Alter von 25 und 27 an, Beruf und Freizeit nur schwer koordinieren zu können. So hatten sie im Studium noch durchschnittlich 6,3 gute Freunde und 4,7 Verabredungen in der Woche. Dies ergibt einen Wert von 5,5 auf der Freizeitglückskala (F-Skala). Nach dem Einstieg in das Berufsleben habe sich der Wert auf der F-Skala auf 0,9 (Fr: 1,2 und V/W: 0,6) reduziert. Auch der Frankfurter Soziologe Prof. Dr. Marquez berichtet in seinen Studien Hundert Jahre Einsamkeit von einer "zunehmenden Vereinsamung der arbeitenden Bevölkerung", welche durchaus ein Phänomen großstädtischer Lebensräume darstelle. Er halte jedoch die Annahme, die Ursachen lägen in der Anonymität der Großstädte und des Computerzeitalters, für "ausgewiesenen Mumpitz". Schuld an der Misere sei allein das modifizierte Freizeitverhalten, das dem Menschen nahelege, "erst noch die Harald-Schmidt-Show zu schauen und dann trinken wa noch aus und gehen dann ma so langsam".

Kai nützen diese Erkenntnisse allerdings wenig. Vielversprechend scheint jedoch die kürzlich ins Leben gerufene Agenda 20nach10, welche der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Franz Müntefering, ausdrücklich lobt. "Wir brauchen Leute, die bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln, anzupacken und das Land wieder nach vorne zu bringen", erklärt er in einer Rede zur Agenda vor dem deutschen Bundestag.

Noch muss Kai sich allerdings selbst genügen. Niedergeschlagen und doch fast trotzig wippt er mit dem Fuß zum Buena Vista Social Club und weiß doch genau: "Die richtig coole Mukke läuft doch erst, wenn ich schon wieder nach Hause muss."